Blog: Der neue Punk (Kolumne)

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Sat, 09.08.14, 19:27
Kolumne

Foto 30915 von scarletsedusa
Ich habe einen neuen Freund. Erst mal nicht weiter Lolita-relevant, allerdings ist am Anfang einer Beziehung das Hobby Lolita natürlich ein Thema. Eines Tages sagte er zu mir: „Ihr habt wirklich das Einzige gefunden, mit dem man noch rebellieren kann, so modetechnisch. Ist ja alles schon mal da gewesen… Trag einen grünen Iro und Springerstiefel, und kein Hahn kräht danach, aber wenn du in Classic Lolita über die Straße läufst, sind dir die verstörten Reaktionen sicher!“

Ich, als Liebhaberin von Punk als (Lebens-) Stil und Musik sowie von Lolita-Mode, musste darüber zunächst ein Weilchen nachdenken… Hat mein (kluger und wundervoller) Freund also Recht? Schlagen wir mit unserem modischen Statement, welches sich eindeutig vom Mainstream abgrenzt, in dieselbe Kerbe wie seinerzeit der Punk?

Ja und nein. Einerseits stimmt es schon: Lolita-Mode ist auffällig und provoziert Reaktionen, sie widersetzt sich dem aktuellen Modediktat ebenso wie seinerzeit der Punk – und wie auch dieser stellt sie prompt ihr eigenes auf.
Für beide Stile braucht man eine gewisse „Fuck you!“-Attitüde, manche würden auch Mut dazu sagen: Man muss sich bewusst entscheiden, sich der nicht unbedingt positiven Aufmerksamkeit seiner Mitmenschen auszusetzen, und dies in Kauf nehmen.
Andererseits jedoch ist Lolita nicht „laut“: Wie an anderer Stelle bereits betont, steckt keine Ideologie hinter dieser Mode, man trifft mit dem Tragen dieser keine politische Aussage. Die Lolita an sich nimmt die Aufmerksamkeit der Leute lediglich hin, trägt ihr Kleid aber eher für sich selbst (unterstelle ich an dieser Stelle).

Punk, im ursprünglichen Sinne, war einerseits das Aufbegehren einer Generation gegen ein enges Korsett aus Konvention und Engstirnigkeit in Sachen Mode und Musik. Als weiterführende Lektüre sei das wundervolle Buch „Als wir unsterblich waren“ von Tony Parsons empfohlen. Andererseits war Punk jedoch auch hochpolitisch: Man wandte sich gegen den Kapitalismus und die damit einhergehende Konsum- und Leistungsgesellschaft.
Sicherlich gab und gibt es viele Leute, die Punk-Mode um ihrer Ästhetik Willen tragen, aber ursprünglich ist damit eine Aussage und eine explizite Provokation verbunden, welche bei Lolita in den meisten Fällen fehlt. Desweiteren… Nun ja: Lasst uns zugeben, dass wir Lolitas genussvoll dem Konsum frönen und uns nicht dafür schämen!

Um die direkte Meinung von Leuten einzuholen, die ich als Punks oder ehemalige Punks betrachte, sprach ich zunächst mit meinen alten Freund L. (37, Musiker, in seiner Jugend mustergültiger „Dorfpunk“). Er war entsetzt, als er hörte, was ich in dieses Hobby bisher investiert habe, ich fühlte mich ob meines offensichtlichen Konsumrausches fast ein bisschen schlecht… Andererseits hat besagter L. eine heiß geliebte Plattensammlung, die an einem glorreichen Tag im Jahr 2012 sein Expedit-Regal von Ikea bersten ließ, und deren Wert den meines (zugegebener Weise kümmerlichen) Lolita-Schrankes bei weitem übersteigt. Und die Platten sind bei weitem nicht alle Bootlegs oder von Indielabels, oh nein! Konsumverzicht zu predigen ist also dann doch eher ein zweischneidiges Schwert…

Ein weiteres großes inhaltliches Thema des Punk, jedenfalls in seiner kommunistischen, sozialistischen, anarchistischen, anarchosyndikalistischen oder was auch immer für einer linken Form, ist Solidarität. Deshalb brachte mich mein zweites Gespräch, dasjenige, welches ich mit meiner Freundin M. führte, eher zum Nachdenken. Sie (24, Azubi in einem sozialen Beruf, Bewohnerin eines sozialistischen Wohnprojekts) kommentierte nämlich meine Schilderung von Treffen, Fotoshootings, Cons und Forenaktivität wie folgt:
„Ich freue mich ja, dass du etwas gefunden hast, dass dir so viel Freude macht… Es scheint dir ja wirklich etwas zu geben. Ich persönlich hätte ja einen schalen Nachgeschmack, wenn ich meine Zeit in ein solches Hobby investieren und nicht mehr zu Demos oder Arbeitskreisen gehen oder in der Suppenküche helfen würde. Mir machen Sachen, mit denen ich anderen Menschen helfe, einfach viel mehr Spaß.“

Da musste ich etwas schlucken. Sicherlich schließt das eine das andere nicht aus, bei mir persönlich hat Lolita aber das karitative Engagement vollständig ersetzt.
In Zukunft habe ich vor, das wieder zu ändern, und das ist vielleicht etwas, das die Lolitas vom Geist des Punk lernen können (auch wenn es in dem Fall eher der Geist des Sozialismus/ Kommunismus, des kategorischen Imperativs oder der „Politik der ersten Person“ ist): Sich gegenseitig und auch alle anderen Menschen auf freiwilliger, selbstverständlicher Basis zu unterstützen. (In meinem Kopf formt sich das Bild von den hübsch gekleideten Damen der höheren Gesellschaftsschichten vergangener Zeiten, die in den Krankenhäusern und Armenvierteln halfen, was als edel und Pflicht einer echten Dame angesehen wurde.)

Eine Mitbewohnerin von M., nennen wir sie A., hatte unser Gespräch übrigens mitgehört und gleich losgelegt: Über Feminismus, Konsumsucht und die totale Oberflächlichkeit, der wir Lolitas angeblich frönen. M. und ich rollten heimlich mit den Augen: Popmusik, Religion, Sex, Fußball, nun auch Lolita, und noch etliches mehr sind nach A.s Meinung nur Tand, der die Menschen von den politischen und gesellschaftlichen Problemen unserer Zeit ablenkt. Well – um es mit M. zu sagen: „Man kann‘s halt auch übertreiben…“

Um aber zur ursprünglichen Fragestellung zurück zu kommen, nämlich inwiefern Lolita „der neue Punk“ ist: Ich denke, das können wir mit einem klaren Nein beantworten, auch wenn es ein paar Überschneidungen gibt. Es kommt auf die Intention desjenigen an, der die Kleidung trägt: Prinzipiell lässt sich beides für einen ähnlichen Zweck verwenden, nämlich den, Aufmerksamkeit zu provozieren. Jedoch ist dies beim Punk der Selbstzweck, bei Lolita-Mode eher ein Nebeneffekt, der bestenfalls akzeptiert wird.

Ich bin gespannt auf eure Kommentare zu diesem Thema!

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Über die Autorin
[?Calliope?], aktive Lolita seit 2012 und Schreiberling aus Leidenschaft, schreibt für Dunkelsüß eine regelmäßige Kolumne zu lolitabezogenen Themen, welche ihre eigenen Erfahrungen und Ansichten wiedergibt. Themenvorschläge und Wünsche nimmt sie gern per Briefchen oder anonym http://ask.fm/Calliope23 an.
von [user:Miss-rottenmeier] · 8 Kommentar(e) · kommentieren · bearbeitet: Sat, 09.08.14, 19:28 von (Gast)

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