Interview mit Camilla Ståhl

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30.12.2007, von Scarletsedusa

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Camilla Ståhl dürfte den meisten noch aus alten Zeiten als Psychodollfie bekannt sein. Die hübsche Schwedin, immer ihre Freundin Graveflower im Gepäck, war bekannt für ihre eigensinnigen, manchmal extremen Lolita-Darstellungen und hat bislang als einzige Szene-Lolita geschafft wovon andere nur träumen: Lolita-Model zu werden.

Als ich im September 2007 in Tokyo war, sah ich im obersten Geschoss von der Closet Child Harajuku-Filiale die 'nur' 1,69 m große Blondine plötzlich neben mir. Sie erkannte mich sogar wieder (wir kannten uns noch von Manas Geburtstagskonzert in Berlin 2006) und erklärte sich freundlicherweise bereit, ein Interview mit sich führen zu lassen. ^__^

Wie bist du überhaupt zu Lolita gekommen?
In Schweden gab es einen kleinen japanischen Laden der Bücher, Zeitschriften, Essen, etc. aus Japan importiert. Da ich eh schon eine Faszination für Japan hatte, bin ich da vor ein paar Jahren reingegangen und fand dort ein paar Gothic & Lolita Bibles. Leider waren sie verschweißt, sodass ich nicht blättern konnte. Aus Neugier habe ich dann eine gekauft und ab da war ich völlig drin.
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Du und Graveflower näht viel selbst. Anders als andere selbstgemachte Outfits haben eure Sachen immer etwas künstlerisches, besonderes. Von was lasst ihr euch da inspirieren?
Heute leben Graveflower und ich an anderen Seiten der Welt und nähen nicht mehr zusammen. Aber damals haben wir uns von praktisch allem inspirieren lassen. Manchmal war es ein Insiderwitz der sich irgendwie in unseren Outfits manifestiert hat oder ein Traum, ein Stoff, ein Auftritt... egal was eigentlich.
Im Internet lernt man eine Person immer nur von einer Seite kennen. Für was, außer Mode, interessierst du dich sonst so?
Momentan fokussiere ich mich auf meine Schule (ich studiere Japanisch) und Arbeit (Modeln). Ich bin ziemlich karrierebesessen. Abgesehen davon mag ich recht einfache Sachen wie z.B. spazieren zu gehen. Ich kann stundenlang spazieren gehen. Ich bin mal mit einem Freund die komplette Yamanote-Linie (also quasi komplett um Tokyo rumgelaufen) entlang gelaufen. Wir haben 13 Stunden gebraucht, ohne Pausen :-P
Was hat dich dazu bewegt nach Japan zu ziehen? Und wie kommt man an den Traumberuf schlechthin: für diese japanischen Marken zu modeln?
Ich wusste schon als kleines Kind, dass ich nicht in Schweden leben möchte. Es war zu kalt, zu wenig Menschen, jeden Tag das selbe, langweilige Leben und der wichtigste Grund: Es war unmöglich meinen Karrieretraum zu erreichen.

Seit vielen Jahren interessiere ich mich für Japan. Japan hat nicht nur eine sehr interessante Kultur (sowohl früher als auch heute), sondern auch einen besonders interessanten Markt für Models und Schauspieler. Die Tatsache, dass die Menschen hier kleiner sind als in Europa, macht es für mich als kleine Person einfacher in den Markt hineinzubrechen.

Was das Modeln betrifft, verlief alles sehr natürlich. Ich bin den richtigen Personen begegnet und die haben mich wiederum den richtigen Leuten vorgestellt. Ich bin also nur meinem Schicksal gefolgt. Meine Story ist aber noch weit entfernt von fertig, ich habe noch immer einen langen Weg vor mir bis ich dahin gelange, wo ich sein möchte.

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Kannst du schon von deinem Job leben oder hast du auch noch andere Nebenjobs womit du deine Brötchen verdienst?
Mit meinem Stundenplan habe ich keine Zeit für einen anderen Job neben dem Modeln und der Schule. Manche Aufträge werden sehr gut bezahlt, andere weniger. Aber auch die promoten mich weiter. Soweit läuft es ganz gut, momentan habe ich keine Geldsorgen.
Wie kommt der Kontakt zu den Modelabels zu Stande? Bist du in einer Modelagentur?
Ja, ich bin bei einer Modelagentur unter Vertrag. Sie besorgen mir eher 'normale' Aufträge. Für alles andere brauchst du Kontakte. Ich stoße ständig auf Redakteure und Designer draussen auf der Straße, auf Events, etc. Und der eine Job führt zum nächsten.
Du bist dem Lolita-Stil ein wenig 'entwachsen' von dem was ich so gelesen habe. Was war denn der Hauptgrund dafür und wie würdest du deinen jetzigen Stil beschreiben?
An einen normalen Tag laufe ich ziemlich casual herum. Und zwar aus verschiedenen Gründen. Ich muss z.B. enganliegende Kleidung tragen, die meine Figur betont, ordentlich aussieht aber nicht zu extrem ist für die Castings.

In Tokyo falle ich sowieso schon auf und bekomme täglich viel Aufmerksamkeit, dann möchte ich nicht noch mehr auffallen. Zu viel Aufmerksamkeit ist nervtötend. Während der Arbeit muss ich mich schon ständig aufbretzeln und auch wenn Mode immer mein Hauptinteresse war, seit mein Hobby zur Arbeit wurde hat das Interesse schon ein wenig nachgelassen. Mir fehlt einfach auch die Energie mich jeden Tag zu stylen. Ausserdem ist es sehr leicht hier an die Kleidung heranzukommen, was das Ganze weniger herausfordernd macht. Aber ich mag viele Aspekte des Lolita-Stils noch immer. Ich liebe es zu modeln in Lolita und mache mich schick wenn ich auf Partys gehe, aber ich weiß nicht wie ich meinen momentanen, extremen Stil beschreiben würde. Es ist schon eindeutig von Lolita inspiriert, aber vielleicht etwas erwachsener.

Hat Lolita dich verändert?
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Das ist eine schwierige Frage. Ich habe mich definitiv in den letzten Jahren verändert. Wobei ich nicht sagen kann, was davon aus Lolita resultierte und was aus anderen Sachen. Aber ich habe Lolita als großen Teil meines Lebens sehr genossen. Mein letztes Jahr in Schweden war ich bereits mit der Schule fertig und hatte keine Arbeit. Es gab auch einfach keinen Job den ich machen wollte. Wenn ich mein Herzblut nicht hineinstecken kann, dann geht es eben nicht. Ich hatte etwas Geld angespart und lebte bei meiner Mutter, also konnte ich gut überleben. In der Zeit habe ich eigentlich nichts anderes gemacht als Lolita-Kleidung zu schneidern und auf Partys zu gehen. Das ist nicht, was ich heute machen wollen würde, aber für dieses eine Jahr habe ich so eine ungewöhnliche Pause gebraucht.

Das erste Mal, dass wir uns begegnet sind, war auf einem Moi Dix Mois Konzert in Berlin 2006. Du warst komplett in Moi-Même-Moitié gehüllt und extra aus Schweden eingeflogen. Bist du noch immer ein großer Fan von Manas Mode und Musik?
Ich schätze die Schönheit seiner Musik und Mode noch immer aber ich bin kein wirklich aktiver Fan. Ich habe hier einige Male seine Konzerte besucht, aber ich muss auch nicht immer dabei sein. Ich fokussiere mich auf viele andere Sachen momentan, aber ja, ich mag ihn noch immer.
Hattest du mal die Gelegenheit Mana persönlich zu treffen? Und wie wäre es, für ihn zu modeln?
Ich habe ihn nie persönlich getroffen. Ich verspüre auch nicht den Wunsch ihn zu treffen, da es wohl unmöglich wäre mit ihm ein Gespräch zu führen. Ich wüsste nicht was ich einer Person sagen sollte, die nicht antwortet.

Es wäre mir eine Ehre und ich würde mich sehr freuen, wenn ich mal die Chance bekommen sollte für Moi-Même-Moitié zu modeln, aber ich glaube er bevorzugt es, das Modeln selber zu machen.

Wie stehst du der internationalen Lolita-Community gegenüber? Und wie unterscheidet sie sich von der Japanischen?
Das ist eine schwierige Frage da ich nicht viel Kontakt zu japanischen Lolitas habe.
Obwohl immer mal wieder gemunkelt wird, dass westliche Lolitas von den japanischen nicht gemocht werden, benutzen viele Marken auch westliche Models. Wie reagieren denn die japanischen Lolitas auf dich?
Ich denke die meisten Japaner mögen westliche Lolitas. Vermutlich wurden die Lolitas, die sich nicht akzeptiert gefühlt haben aus ganz anderen Gründen gemieden und haben es dann aufs 'westliche' geschoben. Im Ernst, die Japaner träumen nachts von uns! Sie lieben uns :-P

Aber natürlich kannst du nicht dafür gemocht werden, westlich zu sein, du musst schon eine gute Lolita sein und gut in dem Stil aussehen.

Aber, was das Modeln betrifft: wenn man sich die Zeitschriften mal genauer anschaut sind alle Gothic & Lolita Bible und Kera Models Japanerinnen oder Halbjapanerinnen. Westliche Models werden als Gastmodels gebucht. Es gibt kein westliches Model, das für jede Ausgabe gebucht wird.

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Schweden hat eine recht große Lolita-Szene. Kannst du uns etwas über den Ursprung von Lolita in Schweden erzählen?
Hmm, ich weiss nicht wirklich was ich dazu sagen soll. Ich war jedenfalls nicht die erste und werde auch nicht die letzte sein. Irgendwo in der Mitte denke ich mal. Obwohl ich mich heutzutage nicht mehr so oft in Lolita kleide, hoffe ich, dass ich andere dazu inspirieren konnte, selber Lolita zu tragen.
Neben Astrid Lindgren sind Ikea und H&M Schwedens meist bekannte Exportprodukte. Die erste Ikea-Filiale Japans hat erst vor einem Jahr seine Pforten geöffnet und Anfang nächsten Jahres wird auch H&M folgen. Hat es dich denn schon in den Ikea verschlagen, um Hot Dogs zu essen? Und wirst du oft nach diesen schwedischen Exportriesen gefragt in Japan?

Oder hast du dich sogar für einen Nebenjob beworben?

Um ganz ehrlich zu sein... ich war hier noch nicht bei Ikea. Aber meine Mitbewohnerin hat dort vor Weihnachten Spekulatius (Red.: Annas Pepparkakor) und Glögg (Red.: schwedischer Glühwein, den man mit Rosinen trinkt) gekauft. Die Japaner fragen viel über Schweden, da es nicht so eine 'Weltmacht' ist wie die Vereinigten Staaten. Ich freue mich einfach darüber, dass ich ihnen etwas erzählen kann und alle lieben Ikea!

Aber nein, keine Nebenjobs für mich. Ich bin sehr beschäftigt und möchte mich auf das konzentrieren, was mir am wichtigsten ist.

Was fehlt dir am meisten in Japan aus deiner Heimat?
Schwarzbrot! Und meine Familie. Und einige Freunde... Ansonsten... nichts wirklich...

Internetseite: Camillas Blog


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